rhein-neckar-zeitung, 17. 08. 2018

von Friedemann Orths

 

Abstrakte Formen, anscheinend willkürlich gezogene Linien, schwarze Rechtecke, bunte Katzen, nachdenkliche Gesichter, Elemente von Schrift: Betritt man das Atelier von Nicole Wirth am Burgplatz, scheint es, als tauche man in eine andere Welt ein. Die Künstlerin sitzt an einem Tisch, vor ihr reihen sich Aquarellstifte in einem Regenbogen auf, Pinsel stehen neben einem Wasserglas. Konzentriert arbeitet sie an einem so genannten "Doodle", einer Kritzelei. "Ich beginne meistens ohne eine konkrete Idee", erklärt sie ihre Herangehensweise. "So kann ich mich durch das Material leiten lassen und mich am besten ausdrücken." Der Malerin, die ihre Werke schon in mehreren Ausstellungen in der Region aber auch überregional präsentiert hat, ist am wichtigsten, "dass sich etwas entwickelt".

 

Nicole Wirth studierte an der Kunstschule Rödel in Mannheim und ist seit fünf Jahren freischaffende Künstlerin; ihre erste Ausstellung hatte sie vor 20 Jahren. "Aber eigentlich habe ich schon immer Kunst gemacht", erklärt sie; auch während der Zeit, in der sie noch im Kunst- und Bastelladen im "Wirthshaus", den sie mit ihrer Familie - Mutter, Vater und Schwester Christine - führte. Jetzt bietet die Familie in ihrem "Kunstraum" Workshops und Veranstaltungen rund ums Malen an. "Da wir die Räume auch vermieten, habe ich mich etwas in die Ecke zurückziehen müssen", erklärt sie lachend.

Raum für ihre Kreativität bleibt aber noch genug: An den Wänden reihen sich ihre Bilder, aber auch Stücke von Teilnehmern der wöchentlich stattfindenden Malkurse. Dort können Interessierte verschiedene Materialien oder Zeichenstile ausprobieren: Neben den Aquarell-"Doodles" wird dort mit Gouache-Farben, Pastellkreiden oder Bleistift und Kohle gemalt. Die Vielfalt der Ausdrucksformen, die Nicole Wirth nutzt, führt sie darauf zurück, dass ihre Eltern einen Kunstladen führten: "So hatte ich immer Zugriff auf die unterschiedlichsten Materialien. Dadurch entwickeln sich dann Phasen."

In diesen Serien, die über mehrere Monate entstehen, arbeitet sie Gedanken oder Ideen immer weiter heraus. Dabei sitzt sie etwa eine Woche an einem Bild, malt jedoch auch parallel an mehreren Werken. "Pauschal kann man das nicht sagen, die Dauer variiert mit dem Material", erklärt sie. Bei größeren Stücken, die beispielsweise mit Öl auf Leinwand gebracht werden, "produziert" sie schon mal 30 Stück in drei Monaten. "Wenn ich merke, dass sich was dabei entwickelt, dann bleibe ich eine Weile dran. Es ist spannend, diese Entwicklung zu sehen." Die Idee für das Aquarell-Bild, an dem sie momentan arbeitet, nahm zum Beispiel schon 2014 ihren Anfang. Dabei kann eine Idee natürlich auch in unterschiedliche Richtungen verlaufen. "Mit jedem Bild erfährt man etwas Neues, das man auch in anderen Projekte einfließen lässt", stellt Nicole Wirth fest.

Wovon lässt sie sich noch inspirieren zu Beginn einer Phase? "Ich setze mich einfach dran, ohne jeden Plan", sagte sich lachend. "Bevor ich ein Bild beginne, setze ich mir kein Ziel." Und obwohl sie im Studium ihr "Handwerk" gelernt hat, beispielsweise Porträts oder Landschaften malen kann, ist sie doch froh, sich "aus den Zwängen des Studiums" befreit zu haben. "Die Dinge kommen von innen", beschreibt sie ihre Ideen. "Viele Künstler beschäftigen sich mehr mit dem Material, zum Beispiel der Farbe. Was später auf der Leinwand herauskommt, sind Ergebnisse vieler Experimente." Ausstellungen anderer Künstler besucht sie natürlich, möchte sich aber nicht zu sehr von außen beeinflussen lassen. "Das Handwerk ist die eine Sache, das eigene Ich aufs Papier zu bringen, wiederum eine andere", fasst sie ihre Philosophie zusammen.

Ein weiteres Projekt, das Nicole Wirth gemeinsam mit ihrer Schwester Christine seit eineinhalb Jahren leitet, ist eine wöchentlich stattfindende Aktivität für Schüler der Carl-Orff-Schule. Hier bringen die beiden den Kindern das Malen und die Kunst näher. "Zu Beginn war es gar nicht so einfach, die Schüler dazu zu bewegen, Eigenes aufs Papier zu bringen. Sie wollten viel lieber Comic-Figuren zeichnen", berichten die Schwestern. Mittlerweile sind die Kinder aber so weit, dass sie zu ihren Kreationen "richtige Geschichten" erzählen können.

 

Das Leben als Künstlerin ist nicht immer einfach. Wie lebt es sich also im ländlichen Sinsheim ohne subkulturelle Szene? Denkt sie manchmal daran, wegzuziehen? "Überhaupt nicht", antwortet Nicole Wirth bestimmt. "Ich fühle mich hier sehr wohl und glaube, dass die Stadt groß genug für Subkultur ist." Und leben kann sie von ihrer Kunst ja auch. Oder wie sie es nennt: "Hier bin ich richtig."

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sinsheim lokal, 19. 01.2018

von Sabina Stoppel

 

Auf eine erfolgreiche Vernissage, die am 14.01.2018 in der Manfred-Sauer-Stiftung in Lobbach stattfand, können die Künstler Nikky Wirth aus Sinsheim und Gerhard Lucius aus Heidelberg mit Stolz zurückblicken. Die Ausstellung trägt den trefflichen Titel „Spiel-Raum“. Nach einer kurzen Ansprache seitens der Stiftung und der Künstler können die ca. 50 Besucher auf eine Entdeckungstour der besonderen Art gehen.

 

Die Künstler präsentieren hier ihre Kunstwerke, die, auf den ersten Blick, gegensätzlicher nicht sein können. Nikky malt, illustriert, arbeitet mit den verschiedensten Techniken, die sie an Interessierte in ihren Workshops im Wirths-Haus weitergibt. Gerhard dagegen schafft kleine 3D-Bildobjekte aus Dingen, die uns aus unserem Alltag und unserer Umgebung bekannt sind und setzt sie in eine neue Beziehung. Es entstehen farbenfrohe und interessante Gegenstände.

Und doch haben die Werke dieser beiden herausragenden Künstler sehr Vieles gemeinsam. Die Arbeitsflächen, bei Nikky ist es das Papier, bei Gerhard die Gegenstände und Rahmen, sind Spielräume für die beiden. Hier toben sie sich aus. Hier „spielen“ sie. Kunst ist frei wie ein spielendes Kind – Es wird probiert und experimentiert.

Interessant ist auch, wie so ein Kunstwerk entsteht. Ganz am Anfang steht natürlich das „Studium“ – Der Künstler macht sich erst einmal mit den Grundlagen der Kunst vertraut – Der Künstler lernt, arbeitet sich klassisch durch alle Gebiete durch. Auch die ausstellenden Künstler haben all das schon längst hinter sich gebracht. Und dann? – Dann entwickelt sich eine eigene Handschrift. Wiedererkennungswert. Hier zeigt sich wieder die Gegensätzlichkeit der Kunstwerke.

Kunst entsteht bei Nikky aus einer spontanen Leichtigkeit heraus. Der Stift gleitet über das Papier und führt sie immer weiter, es entsteht ein Bild. Ein Bild, indem sich viele Dinge verbergen. Dann beginnt erst die richtige Arbeit. Das, was gesehen wird, wird ausgearbeitet und mit Details verziert.

Gerhard dagegen muss vor Beginn seiner Arbeit planen, die passenden Gegenstände für sein Kunstwerk noch finden. Erst wenn alles passt, kann Gerhard mit dem Schaffen seiner Kunstwerke anfangen. Und es entstehen beeindruckende Objekte, die ebenfalls Vieles zum Entdecken bieten. Bewegung und Perspektive sind zentrale Motive.

„Ich sehe nicht, ich finde.“, sagte einst Pablo Picasso. Und das ist quasi die Aufgabe des Betrachters – das Finden, sich selbst zu öffnen und zu fragen: „Was sehe ich?“ Und manchmal finden wir erst nach einer Weile des Betrachtens die Antwort darauf. Deshalb sollte man sich Zeit lassen und genauer hinschauen.

Und so verhält es auch mit der die Vernissage begleitenden Musik von Karl Schramm. Auch er spielt, im doppelten Sinn, passend zum Titel der Ausstellung, auch er lässt die Musik durch den Raum gleiten und entdeckt, improvisiert. Vorher plant er auch. Und auch hier lohnt es sich als Publikum genauer zu lauschen. Denn auch hier ist nicht nur der Künstler Entdecker, sondern auch der Zuhörer.

Kunst wird erst dann richtig interessant, wenn wir vor etwas stehen, dass wir eben nicht restlos erklären können. Und genau dann lässt uns ein Kunstwerk nicht mehr los.

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rhein-neckar-zeitung, 22. 01.2018